Quicktipp: Einparkhilfe, Tempomat & Co. Lohnt es sich Fahrerassistenzsysteme nachzurüsten?

Knöpfe im Multifunktionslenkrad für das Fahrerassistenzsystem automatische Distanzregelung ACC und Geschwindigkeitsregelanlage
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MDR JUMP Do 07.09.2017 02:10Uhr 02:01 min

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Regensensor, Einparkhilfe, Tempomat oder Kollisionswarner: Moderne Autos sind auf Wunsch mit allem vollgepackt, was Fahrten als Pendler oder in den Familienurlaub angenehmer und sicherer macht. In älteren Fahrzeugen oder Gebrauchten fehlen aber viele Assistenzsysteme. Sie können aber für vergleichsweise wenig Geld nachgerüstet werden. Allerdings raten Experten wie Marcel Mühlich vom Auto Club Europa von manchen Nachrüstungen ganz ab.

Problemlos: Komfort-Extras

Nachrüst-Regensensoren gibt es online schon ab 20 Euro, Lichtsensoren ab 50 Euro, Einparkhilfen von namhaften Herstellern sind für 130 Euro erhältlich und Totwinkelwarner für rund 100 Euro. Solche "Komfort"-Extras können Autofahrer aus Sicht unserer Experten problemlos nachrüsten. Die raten dagegen von Nachrüstlösungen, die für das Fahrverhalten des Autos eine Rolle spielen. "Das sind etwa Abstandswarner, die mein Fahrzeug abbremsen können oder Spurhalteassistenten", sagt Marcel Mühlich vom Auto Club Europa. Der Industriedesigner hat unter anderem in den Entwicklungsabteilungen von Autoherstellern gearbeitet. Bei Sicherheitsextras ab Werk könne sehr genau gesteuert werden, wann ein Rad abgebremst wird oder in die Lenkung eingegriffen wird. Das können Nachrüst-Extras meist nicht zuverlässig.

Einfach freischalten lassen: Tempomat oder Berganfahrhilfe

Häufig sind auch Assistenzsysteme schon im Auto verbaut, können aber noch nicht genutzt werden. Diese Extras sind dann höheren Ausstattungslinien vorbehalten oder können nur gegen Aufpreis genutzt werden. Dazu zählt etwa der Tempomat, der bei vielen modernen Autos mit einem elektronischen Gaspedal bereits ab Werk vorgesehen ist. "Da lohnt sich die Nachfrage beim Vertragshändler oder bei einer kompetenten Fachwerkstatt, ob man so ein Auto mit einem elektronischen Gaspedal hat", sagt Marcel Mühlich. Der Tempomat könne dann freigeschalten werden. Die nötigen Schalter müssten aber noch eingebaut werden. Bei Fahrzeugen mit einer elektronischen Feststellbremse sind häufig schon ab Werk Berganfahrhilfen verbaut. Die verhindern, dass ein Auto am Berg zurückrollt. "Wenn Sie statt einer herkömmlichen Handbremse einen Schalter für die Bremse im Auto haben, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass sie die Anfahrhilfe im Auto haben", sagt Marcel Mühlich.

Kein Sicherheitsgewinn: Assistenzsysteme mit Smartphone-Anbindung

Nicht überzeugt sind unsere Experten von Abstandswarnern oder Spurhalte-Assistenten zum Nachrüsten. Häufig sind das Apps fürs Smartphone, die es für wenige Euro in den App-Stores gibt. Die Programme nutzen die Kamera des Handys, um Verkehrszeichen, Straßenmarkierungen, Fußgänger oder andere Fahrzeuge zu erkennen. Das Smartphone muss dafür an der Windschutzscheibe in einer entsprechenden Halterung angebracht werden. "Zum einen sind diese Systeme absolute Akkufresser, da ist die Rechnerleistung sehr hoch. Und ablenken können sie auch. Wenn etwa eine SMS auf dem Handy ankommt", erklärt Johannes Boos vom ADAC.

 Ein Mann sitzt in einem Auto am Steuer und hält ein Smartphone in der Hand (gestellte Szene).
Abstandswarner-Apps sehen die Experten hinsichtlich des Sicherheitsnutzens kritisch. Bildrechte: dpa

Auch müsse die Smartphone-Kamera vor dem Einsatz erst zeitaufwendig eingerichtet werden, um überhaupt halbwegs verlässliche Abstandsmessungen zu ermöglichen. "Im Ernstfall liefern diese Assistenten nur eine optische oder akustische Warnung. Da ist die Frage, ob das wirklich zur Sicherheit beiträgt", sagt Johannes Boos. Abstandswarnsysteme oder Spurhalteassistenten ab Werk sind dagegen bei Gefahr mit Lenkrad-Rütteln oder Sitzvibrieren deutlich schwerer zu ignorieren. Den ADAC konnte auch ein mehrere Hundert Euro teurer Kollisionswarner für Fußgänger zum Nachrüsten nicht überzeugen. Auch dieses System setzt auf akustische Warnungen, kann aber keine Teile der Auto-Ausrüstung nutzen.  

Bitte in die Fachwerkstatt!

Grundsätzlich raten unsere Experten einstimmig: Nachrüst-Assistenten sind ein Fall für die Fachwerkstatt oder den Vertragshändler. Selbst wenn die Anbieter von Einparkhilfen oder Regensensoren manchmal anderes behaupten. "Alles, was beispielsweise eine Verbindung zum Steuergerät erfordert, ist ein Fall für Fachleute. Da sollte man drauf achten, dass es eine Werkstatt vom Hersteller ist oder eine, die vom Hersteller zertifiziert ist", betont Herbert Engelmohr vom Automobilclub von Deutschland. Der Gang zur Fachwerkstatt ist zudem sinnvoll, weil es für die Nachrüstlösungen kein verlässliches Gütesiegel gibt. In der Werkstatt kann dann beurteiltet werden, ob der Hersteller Einbau und Betrieb des fraglichen Extras erlaubt. "Das ist wichtig, wenn man noch Garantie aufs Auto hat. Dann sollte man sich das mit dem Auftrag auch bestätigen lassen, dass alle Arbeiten nach den Vorgaben des Herstellers durchgeführt wurden", so Marcel Mühlich.

Auto wertiger machen?

Tempomat oder Einparkhilfen sind Extras, die von vielen Autokäufern geschätzt werden. Als Nachrüstlösung können sie den Wiederverkaufswert zumindest etwas anheben. "Das gilt vor allem, wenn man originale Systeme, etwa vom Hersteller, nimmt", erklärt Marcel Mühlich. Anders sieht es bei sehr preisgünstigen Nachrüst-Assistenten aus dem Onlinehandel aus. "Bei der Einparkhilfe etwa werden diese Sensoren ja aufgeklebt oder werden irgendwie in den Kennzeichenhalter integriert. Das ist eben auch Geschmacksfrage, ob das gut aussieht", gibt Johannes Boos zu bedenken. Bei diesen Extras steige der Wiederverkaufswert eher nicht.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Vormittag | 07. September 2017 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2017, 02:10 Uhr