Quicktipp: Sicherheit Kinder per App überwachen

Ein Paar liegt auf dem Sofa und schaut entsetzt auf ein Laptop
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MDR JUMP Fr 04.08.2017 02:10Uhr 01:42 min

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In den App-Stores für iPhones und Android-Smartphones gibt es zahlreiche Programme, die Eltern ein Sicherheits-Gefühl vermitteln wollen. Die können dank der Apps ihre Kinder orten, deren Smartphone-Nutzung überwachen und möglicherweise gefährliche Inhalte blocken. Wir haben uns mit Technik-Experten und Medienpädagogen die Programme genauer angesehen.

Breites Angebot

Über Apples App-Store oder den Google Play Store gibt es gleich eine Handvoll Kontrollprogramme für Eltern. Die findet man ohne großes Suchen meist unter "Parental-Control"-Apps. Die Apps heißen dann passenderweise Pocket Nanny (9,99 €, Android), iNanny (9,99 €, iPhone), Family Tracker (rund 4 € für iPhone, etwa 5 € für Android) oder Footprints (für iPhone, Jahresabo rund 4 €). Die Apps müssen dann zum einen auf dem Handy der Eltern und zum anderen auf dem Gerät der Kinder installiert werden.

"Das Einrichten schafft jeder, der ein Smartphone nutzt. Die Programme geben den Eltern zudem sehr genaue Anweisungen, was sie an welchen Stellen fürs Überwachen genau einstellen müssen", sagt Alexander Spier vom Computermagazin c’t. Bei den meisten Apps können die Eltern über das eigene Smartphone ihre Kinder kontrollieren. Bei manchen Programmen kann über einen Webdienst zusätzlich noch eine Kontrollmöglichkeit eingerichtet werden, die dann Eltern vom Computer aus nutzen können.

Standortkontrolle, Geozaun, Zeitvorgaben, Inhalte sperren

Im Folgenden sind die Funktionen aufgeführt, mit denen die meisten Entwickler ihre Apps ausgestattet haben. Einige Anbieter konzentrieren sich dabei auf die GPS-Ortung, andere legen den Fokus auf die Kontrolle des Surfverhaltens der Kinder:

Standortkontrolle
Auf einer kleinen Karte können Eltern sehen, wo sich zumindest das Smartphone ihres Kindes gerade befindet. "Die Anbieter nutzen dafür die gleichen Ortungsfunktionen wie die Anbieter von Navigations-Apps: Am genauesten ist GPS, das kostet allerdings auch enorm viel Akku", sagt unser Technik-Experte. Alternativ weichen die Anbieter aufs Lokalisieren über WLAN-Punkte oder das Mobilfunk-Netze aus. "Das reicht aus, um den ungefähren Standort festzustellen", sagt Alexander Spier.

Ein Vater sitzt mit einem Laptop auf einer Wiese. Neben ihm sitzt seine Tochter und schaut auf ein Smartphone.
Geozaun: Hinterm Horizont geht's nicht weiter. Bildrechte: IMAGO

Geozaun
Eltern können die Ortungsfunktion der Smartphones zudem benutzen, um einen "sicheren" Bereich für ihr Kind vorab festzulegen. Das kann der Weg zur Schule sein oder das eigene Viertel. Verlässt das Kind mit seinem Smartphone diesen Bereich, wird über die Apps ein Alarm aufs Handy der Eltern geschickt. Das sollte natürlich vorab mit dem Kind abgesprochen werden.

Alexander Spier hat die Geozaun-Funktion schon getestet: "Das ist schon verlässlich, im Sinne von: Es gibt eine rechtzeitige Warnung." Allerdings agierten die Apps häufig vergleichsweise grob und schlugen Alarm, obwohl das Kind im vorab festgelegten Bereich war. "Manchmal wurde auch zu spät Alarm gegeben, weil es gerade keine Datenverbindung vom Kinderhandy zum Mobilfunk-Netz gab." Außerdem hat unser Experte festgestellt, dass durch die Ortungs- und Geozaun-Funktion der Datenverbrauch bei beiden Smartphones etwas ansteigt. Üblich sind etwa einhundert Megabyte extra pro Monat.

Zeitvorgaben für die Smartphone-Nutzung
Auch das klappt unserem Experten zufolge zuverlässig: Eltern können mit den Apps festlegen, nach welcher Zeit sich das Kinder-Smartphone nicht mehr für Spiele benutzen lässt. "Das Gerät ist dann aber kaum benutzbar. Außer man erlaubt bestimmte Nummern, die das Kind mit dem Gerät im Notfall noch anrufen kann", sagt Alexander Spier. Auch SMS können bei den meisten Programmen von der Sperre ausgenommen werden. 

Inhalte sperren
Mit vielen Apps können Eltern auch überwachen, welche Internetseiten ihre Kinder nutzen und welche Programme geöffnet werden. Zudem können über die Kontroll-Apps bestimmte Apps wie etwa WhatsApp oder Youtube und auch der Internetbrowser komplett oder zeitweise blockiert werden. So sollen Kinder vor unerwünschten Kontakten oder auch für sie verstörenden Online-Inhalten geschützt werden, werben die Anbieter der Apps.

Mädchen mit Smartphone
Bella wollte gerade ihr Aktienpaket gewinnbringend verkaufen. Aber Mama und Papa hatten die Finanz-App gesperrt. Bildrechte: Colourbox.de

Die Blockade können Kinder und Jugendliche aber leicht umgehen, warnt unser Technik-Experte: "Viele Spiele haben eine Chatfunktion und die Kinder suchen sich ihre Freunde dort im Spiel und chatten dann." WhatsApp sei dann nicht mehr unbedingt nötig. Über Facebook könnten zudem jüngere Nutzer an Inhalte gelangen, die Eltern eigentlich sperren wollten. "Facebook hat natürlich auch einen eingebauten Browser", sagt Alexander Spier. Über den Browser von Facebook könnten Kinder nicht direkt Webseiten aufrufen. Sie gelangen aber über verlinkte Inhalte auf möglicherweise für sie ungeeignete Webseiten.

Datenschutz

Aus Sicht unseres Technik-Experten können die Apps zumindest beim Punkt Ortung das Sicherheitsbedürfnis der Eltern recht zuverlässig befriedigen. Beim Blockieren von Apps oder bestimmten Inhalten sind die Programme allerdings nicht zu einhundert Prozent verlässlich. Zumindest wenn die damit versehenen Smartphones von Kindern oder Jugendlichen mit etwas Technik-Verständnis genutzt werden. In seinem Fazit der Apps warnt Alexander Spier zudem vor einem möglichen Missbrauch der Programme: "Damit kann man ja jederzeit verfolgen, wo der Nutzer des anderen Smartphones ist. Und das muss kein Kind sein, dass kann auch der Partner sein." Die Apps ließen sich dafür auch auf dem Smartphone verstecken, um kein Misstrauen zu erregen.

Unser Technik-Experte kann auch entsprechende Warnungen von Datenschützern nachvollziehen. Niemand wisse, was die Anbieter mit den privaten Nutzerdaten wie etwa Ortungsinformationen machen. "Im Zweifel würde ich dann auch immer kostenpflichtige Apps nutzen. Bei Gratis-Programmen müssen die Anbieter ihre Serverkosten reinbekommen", sagt Alexander Spier. Wie diese Kosten refinanziert werden, ist offen.

Schädliche Dauer-Überwachung

Ein Vater schaut seinem Sohn im Grundschulalter kritisch in die Augen
"Ich hab doch in der App gesehen, dass du noch im Süßigkeitenladen warst!" Zu viel elterliche Überwachung kann das Vertrauen der Kinder zerstören. Bildrechte: IMAGO

Aus Sicht von Kristin Langer, Mediencoach von der bundesweiten Initiative "Schau Hin!", können die Apps zumindest Kindern am Anfang durchaus helfen. "Wenn nicht altersgerechte Dinge ausgeschlossen sind, kann das eine Sicherheit sein", sagt unsere Expertin. Manche Kinder wünschten zudem von sich aus eine Erinnerung, dass sie ihr Smartphone weglegen sollten. "Dann kann man vorher über so eine App reden und die gemeinsam installieren. Und vereinbaren: Wenn das gut funktioniert oder es eine Routine gibt, lässt man die App weg", sagt Kristin Langer.

Die Medienpädagogin warnt aber vor einer ständigen und längeren Überwachung: "Mit den vielen technischen Helfern verlieren wir auch die Selbstständigkeit unserer Kinder aus den Augen. Dann können die nicht für sich herausfinden, was ihnen gut tut und wann sie ihr Smartphone auch mal ausmachen sollten". Zudem könne die Kontrolle die Eltern zusätzlich stressen, sagt Kristin Langer: "Die nehmen dann großen Anteil am Leben ihrer Kinder: Chatten die gerade, obwohl Hausaufgaben anstehen? Oder was steckt hinter einem intensiven Chat mit einem Freund?" Langfristig könne eine lückenlose Überwachung sogar das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern zerstören.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP am Vormittag | 04.08.2017 | 9:20 Uhr

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