Ein Baby schläft im Bettchen.
Bildrechte: IMAGO

Alarmierender Hebammenmangel Keine Geburten in Bitterfeld

Der Kreißsaal in Bitterfeld-Wolfen schließt für drei Wochen, da alle Hebammen krank sind. Wer in der Zeit ein Kind bekommt, wird nach Halle oder Leipzig fahren müssen.

Ein Baby schläft im Bettchen.
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Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, bleibt der Kreißsaal in Bitterfeld-Wolfen für drei Wochen geschlossen. Es seien gleichzeitig mehrere Hebammen erkrankt, sagte der Geschäftsführer des Gesundheitszentrums, Norman Schaaf, der "Mitteldeutschen Zeitung". Mit dem verbliebenen Personal lassen sich derzeit keine Geburten in Bitterfeld-Wolfen durchführen. Petra Chluppka, 1. Vorsitzende des Landeshebammenverbands Sachsen-Anhalt bemängelt, dass dies kein Einzelfall sei:

Es ist tatsächlich so, dass es deutschlandweit öfter zu so einer Situation kommt, sogar über einen längeren Zeitraum. Wir haben sogar Schließungen von Kreißsälen aufgrund von Hebammenmangel.

Nächster Kreißsaal rund 50 km entfernt

Bemühungen, vorübergehend andere Hebammen zu gewinnen, seien in Bitterfeld-Wolfen gescheitert. Entsprechende Fachkräfte fehlten auf dem Arbeitsmarkt. Es seien derzeit in dem Krankenhaus nur Kaiserschnitt-Entbindungen möglich, so Schaaf. Die nächsten Kreißsäle befinden sich etwa 30 bis 50 Kilometer entfernt von Bitterfeld-Wolfen: in Leipzig, Halle und Dessau-Roßlau. Einer werdenden Mutter sei so ein weiter Weg eigentlich nicht zuzumuten, erklärt Chluppka:

Entweder du gehst ganz früh in eine Klinik, weil du weißt, dass du so einen Weg hast. Das ist allerdings nicht unbedingt von Vorteil, da man eventuell noch mal nach Hause geschickt wird und unsicher wird oder Eingriffe fangen früher an. Fährt die Frau später, hat sie Angst, dass unterwegs etwas passiert - was im Ernstfall auch passieren kann.

Für betroffene Frauen, kann Petra Chluppka keine allgemeine Regel geben, wie sie sich am besten Verhalten sollen, da jede Geburt unterschiedlich verläuft:

Wir müssen es einfach schaffen, dass wir flächendeckend wieder Versorgung anbieten können.

Sicherlich sei auch eine Hausgeburt möglich, "das heißt aber auch, dass du eine kompetente Unterstützung an deiner Seite haben solltest, sprich eine Hebamme." Das Problem allerdings ist da die Versicherung, die die Hebamme braucht:

Natürlich könnte eine Hebamme, die in der Vor- und Nachsorge tätig ist, theoretisch zu einer Frau nach Hause fahren und sie ein Stück begleiten. Aber sie braucht dafür eine Versicherung, die in die Richtung  Geburtshilfe geht. Und diese Haftpflicht können viele nicht aufbringen.

Folge des Hebammenmangels

Dass Kreissäle schließen, ist eine Folge des Hebammenmangels. Der resultiert nicht nur aus dem aktuellen Versicherungsproblem, so Chluppka. "Hebamme ist der schönste Beruf, den es überhaupt gibt", schwärmt sie. Allerdings seien die Rahmenbedingungen immer schlechter, so dass viele Hebammen das Handtuch werfen. "Ideal wäre zum Beispiel in den Kreißsälen, dass es eine 1:1 Betreuung gibt, die allerdings gibt es schon lange nicht mehr. Viele Hebammen müssen bis zu fünf Geburten parallel betreuen." Gleichzeitig fühlen sich viele Hebammen im Kreißsal von Ärzten nicht ernst genommen, bemängeln, dass immer mehr Kaiserschnitte ohne Not vorgenommen werden:

Viele Kolleginnen sind einfach ausgebrannt.

Das Ziel des Hebammenverbandes ist es, dass die Hebamme wieder in ihrer Kernkompetenz ernst genommen wird, das könnte ein Teil des Problems lösen. "Gut wäre zum Beispiel ein Hebammen geleiteter Kreißsaal. Der könnte auch dazu führen, dass der Beruf wieder attraktiver wird. In Schweden und Norwegen ist das schon etabliert", erklärt Chluppka.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend | 01.08.2017 | 19:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2017, 15:25 Uhr

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