Ein Maschinenbauer baut ein Getriebe zusammen.
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Wirtschaft in Sachsen Die Mär vom Boom

Als "Wirtschaftswunder im Osten" wurde der Aufschwung in Sachsen vielfach bezeichnet oder als "beeindruckende Erfolgsgeschichte". Betrachtet man jedoch die nackten Zahlen, bleibt vom schönen Schein nicht viel übrig: beim Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukt ist der Vorsprung vor Rumänien kleiner als der Rückstand auf Bayern, Hessen oder Baden-Württemberg. Beim Wachstum ist Sachsen "ostdeutsches Mittelmaß". Experten meinen, der Abstand zum Westen dürfte sich sogar vergrößern.

von Tobias Wilke

Ein Maschinenbauer baut ein Getriebe zusammen.
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Dass keines der 30 Dax-Unternehmen seinen Sitz im Osten Deutschlands hat, ist hinlänglich bekannt. Diesen Umstand jedoch als Erklärung dafür zu bemühen, dass das Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukt der ostdeutschen Länder dem des Westens noch immer deutlich hinterher hinkt, wird den Ursachen allenfalls teilweise gerecht.  Schleswig-Holstein und das Saarland sind ebenfalls weiße Flecken auf der bundesdeutschen "Dax-Karte". Ihr Vorteil: die Löhne und Gehälter sind höher.

Das wirtschaftliche "Maß aller Dinge"

Das Bruttoinlandsprodukt einer Volkswirtschaft gibt den Gesamtwert aller Güter, Waren und Dienstleistungen an, die innerhalb seiner Landesgrenzen während eines Jahres produziert worden sind. Ein in Chemnitz montierter Volkswagen fließt somit genauso in das sächsische Bruttoinlandsprodukt, wie ein in Leipzig gefertigter BMW, das Brötchen vom Zittauer Bäcker oder der Haarschnitt bei einer Friseurin in Torgau.

Eben jene Dienstleistungen aber, sei es der Haarschnitt, das Gehalt eines Lehrers, Fliesenlegers oder IT-Beraters, sind im Osten deutlich günstiger.

"Die Preise gerade bei Dienstleistungen sind wesentlich bedingt durch die Löhne und Gehälter, aber auch durch die Kaufkraft in der Region", erläutert Prof. Joachim Ragnitz vom ifo-Institut in Dresden. "Das ist ein Teufelskreis. Niedrige Gehälter bedingen eine niedrige Nachfrage und beschränken damit die Preisgestaltungsspielräume der Wirtschaft. Das wiederum führt dazu, dass der nominelle Wert des Bruttoinlandsprodukts niedriger ausfällt."

Spätzünder und Frühstarter im Gleichschritt

Vergleicht man verschiedene Volkswirtschaften, auch die einzelner Bundesländer, wird das jeweilige Bruttoinlandsprodukt durch die Einwohnerzahl dividiert, das "Pro-Kopf BIP" ist der Standard für den Vergleich von Wirtschaftsräumen.

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Mi 06.12.2017 17:49Uhr 00:12 min

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Betrachtet man die Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer seit 1991 – dem Jahr nach der Deutschen Einheit - zeigt sich etwas für viele sicherlich überraschendes. Der leichte Vorsprung, mit dem Sachsen gestartet war, ist nahezu konstant geblieben. Aber beim relativen Wachstum liegt das einstige Schlusslicht Thüringen deutlich an der Spitze, Sachsen landet sogar knapp hinter Sachsen-Anhalt auf dem dritten Platz im Osten.

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"Von den statistischen Angaben her liegen die ostdeutschen Länder alle ziemlich gleichauf, was zunächst verwunderlich scheint", erklärt Prof. Joachim Ragnitz. "Man denkt ja immer, Länder wie Mecklenburg-Vorpommern haben außer Tourismus und etwas Schiffbau nicht viel. Allerdings besteht auch Sachsen nicht nur aus den großen Zentren Leipzig und Dresden, sondern auch aus strukturschwachen Regionen wie Mittelsachsen, Nordsachsen oder Teilen der Lausitz und des Erzgebirges, die den Durchschnitt stark senken. Insgesamt kommt so ein Wert raus, der kaum besser ist als der von Mecklenburg-Vorpommern."

Im europäischen Vergleich landet Sachsen beim Pro-Kopf BIP knapp hinter dem von Massenarbeitslosigkeit gebeutelten Sorgenkind Spanien. Der Vorsprung vor Rumänien ist kleiner als der Rückstand auf die wirtschaftsstarken West-Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und allen voran Bayern.

BIP im Europäischen Vergleich
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Kein gleiches Geld für gleiche Arbeit

Wie schon seine Amtsvorgänger war auch Noch-Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) selten verlegen, die Errungenschaften sächsischer Ingenieurskunst hervorzuheben oder den Stellenwert des "Silicon Saxony", des Mikroelektronikstandorts Sachsen in Europa. Dem Diplomingenieur Tillich folgt wahrscheinlich mit Michael Kretschmer ein weiterer Ingenieur aus Sachsen - womöglich hätten beide das Land längst verlassen, wären sie nicht auf dem politischen Parkett zuhause. Denn ausgerechnet in Sachsen verdienen Ingenieure deutschlandweit am wenigsten, wie das Jobportal "Stepstone" in seiner aktuellen Umfrage unter 60.000 Fach- und Führungskräften herausgefunden hat. Das Gehaltsniveau im Freistaat liegt demnach 25,2 Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt und noch 8 Prozent unter dem der Berufskollegen in Mecklenburg-Vorpommern. Bei den derzeit allerorts gefragten IT-Fachkräften landen die Sachsen "immerhin" auf dem drittletzten Platz.

Explizit befragt nach Konzepten für eine Angleichung der Gehälter in Sachsen an das westdeutsche Niveau, erklärt der designierte Ministerpräsident Michael Kretschmer: "Was die Menschen erreicht haben in diesen 27 Jahren, ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte mit vielen Entbehrungen, aber jetzt können wir die Früchte ernten. Wenn wir weiter nach vorn wollen, wenn Löhne und Gehälter steigen sollen, müssen unsere Produkte und Dienstleistungen besser werden. Deshalb ist es wichtig, in Forschung und Bildung zu investieren."

Landespolitik am kurzen Hebel

Was die Einflussmöglichkeiten der Landespolitik auf privatwirtschaftliche Entscheidungen betrifft, ist Prof. Joachim Ragnitz äußerst skeptisch: "Diese Möglichkeiten werden ganz klar überschätzt. Die Wirtschaftspolitik kann Rahmenbedingungen setzen, die werden aber typischerweise auf Bundesebene gesetzt oder sogar in der EU. Selbst mit Förderpolitik kann man auf Landesebene nicht viel reißen, denn letztlich entscheiden die Unternehmen anhand von Gewinnprognosen, wo sie investieren wollen."

Rico Gebhardt, Fraktionsvorsitzender der Linken im sächsischen Landtag, verweist hingegen auf den wirtschaftlichen Aufschwung Thüringens, den sicherlich viele unter dem linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow kaum für möglich gehalten hätten. Im Gegensatz zur sächsischen CDU hätte sich dieser stets für den Mindestlohn eingesetzt und für gerechte Gehälter geworben: "Es gab viele Jahre in der CDU eine Niedriglohnstrategie" erklärt Gebhardt. "Beispielsweise hat die Wirtschaftsförderung Sachsen damit geworben, dass hier ein niedrigerer Lohn gezahlt wird und das hat natürlich Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft. Die Leute kommen ja nicht nur wegen der schönen Landschaft, sondern auch wegen der Gehälter und da werden wir es schwer haben, die Menschen zu uns zu locken."

Kein Motor, um aufzuholen

Prof. Joachim Ragnitz glaubt nicht daran, dass sich die "Ost-West-Schere" in absehbarer Zukunft schließen lässt. Im Gegenteil: "Das liegt zum einen an den enormen, demografischen Herausforderungen in Sachsen und zum anderen daran, dass die wirtschaftsstarken Räume vor allem in Süddeutschland mehr investieren können. Der Vorsprung vergrößert sich einfach dadurch, dass die wohlhabender sind, immer mehr." Aber auch innerhalb Sachsens würden diese Unterschiede zwischen den Großstädten und dem ländlichen Raum künftig noch größer: "Gleiche Einkommen oder eine gleiche Beschäftigungsdichte sind unrealistisch. Es wäre eine Illusion, den Leuten das zu verkaufen. Der Hunsrück ist schließlich auch nicht vergleichbar mit dem Kölner Raum."

  Über dieses Thema berichtet MDR Sachsen auch im Fernsehen: Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL | 06.12.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 11:28 Uhr