Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Integration Wenn sich das Fremde auflöst

Die Dresdner Adolph-Kolping-Schule hat ein Pilotprojekt zur Integration von Flüchtlingen gestartet. Insgesamt 21 Migranten lernen zusammen mit Deutschen in berufsvorbereitenden Klassen - viele möchten Krankenpfleger werden.

von Katrin Tominski

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
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Yaser Mohseni sitzt hinter seiner Schulbank und beobachtet, wie die Regentropfen ans Fenster prasseln. Die kleinen Wassertropfen fliegen an die Scheibe, finden sich in Rinnsalen zusammen und suchen sich wasserhungrig ihren Weg nach unten. Regen, das ist etwas, was für Yaser noch immer nicht alltäglich ist. Wasser, das einfach vom Himmel fällt, ganz ausgiebig und regelmäßig, das kennt er nicht aus seiner Heimat. In Afghanistan hat die Sonne die Vorherrschaft, wenn auch nicht symbolisch. Denn seit Jahren zerren die Kriegshandlungen an dem Land, das zwischen Pakistan, Tadschikistan und dem Iran liegt.

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Seit dem Praktikum in der Apotheke ist es klar: Yaser Mohseni will pharmazeutisch-technischer Assistent werden. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Jetzt sitzt Yaser Mohseni in einem Klassenzimmer in einer Stadt, die viele Menschen als Elbflorenz bezeichnen. Als Florenz Asiens galt seine Heimat Herat. Immerhin Florenz als Beiname ist geblieben, ein Stück Heimat in der neuen Heimat sozusagen. Damals Afghanistan, jetzt Deutschland, Dresden. Dazwischen liegt die Flucht der Familie in den Iran und seine eigene, einsame Flucht durch die Türkei, Griechenland und viele andere Länder. Yaser Mohseni hat diese Stunden nicht vergessen. Doch heute steht nicht die Dunkelheit, sondern das Licht im Mittelpunkt seines Lebens.

Eintrittskarte für den Beruf

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Schulleiterin Beate Gebauer mit Yaser Mohseni, Zaryab Hakimi und Basik Sarwari. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Er hat einen Platz für ein Berufsvorbereitungsjahr in der Dresdner Adolph-Kolping-Schule am Weberplatz ergattert. Was für viele Deutsche banal klingen mag, ist für den Jugendlichen eine Eintrittskarte. Hier an dieser Schule bekommt der 17-Jährige die Möglichkeit, seinen Hauptschulabschluss zu absolvieren. Damit kann er eine Berufsausbildung beginnen, später arbeiten und sein eigenes Geld verdienen. "Ich freue mich, dass ich es geschafft habe. Ich kann hier sicher leben und einen guten Beruf lernen", erklärt Yaser. Seine dunkelbraunen Haare sind leicht gelockt, die braunen Augen wach, sein Gesicht fröhlich.

Gemeinsamer Unterricht

Während er am vierten Schultag seine neuen Klassenkameraden begrüßt, sortieren Schulleiterin Beate Gebauer und ihre Vertreterin Bianca Pilch die letzten Unterlagen. In wenigen Minuten stellen sie ihr Konzept der Öffentlichkeit vor. Erstmals hat die Adolph-Kolping-Schule 21 Migranten in das Berufsvorbereitungsjahr aufgenommen. Anders als an anderen Schulen werden die ausländischen Jugendlichen jedoch nicht in getrennten Klassen, sondern gemeinsam mit den anderen Schülern unterrichtet. "Wir glauben, dass unser Konzept das Richtige ist", erklärt Schulleiterin Beate Gebauer. "Unser Ziel ist es, die jungen Leute in unser Boot zu holen und sie nicht in Parallelgesellschaften abgleiten zu lassen."

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Gemeinsam lernen - das ist das Konzept der Adolph-Kolping-Schule. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

21 Migranten sind auf 14 Klassen verteilt

Gebauer und Pilch haben Erfahrungen mit Jugendlichen aus anderen Ländern. Seit Jahren arbeiten sie und die Lehrer der Schule mit jungen Menschen aus Russland, der Türkei, dem Irak oder Vietnam. Insgesamt 17 Nationen seien in der privaten berufsbildenden Förderschule im Jahr 2016 unterrichtet worden. "Wir haben Erfahrung im Umgang mit schwierigen und auch mit ausländischen Schülern", erklärt Gebauer. Insgesamt 21 Migranten aus Afghanistan, Syrien und auch verschiedenen afrikanischen Ländern sind nun auf 14 Klassen für das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) verteilt.

Berührende Flucht

Einige Flüchtlinge kennen die Adolph-Kolping-Schule schon länger. Weil die Sächsische Bildungsagentur die Privatschule um Hilfe bat, lehrte diese Asylbewerber Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in einer eigens gegründeten Vorbereitungsklasse. "Die ersten Schüler dieser Klasse haben uns mit ihren unglaublichen Fluchtberichten stark berührt. Die Jugendlichen sind uns richtig ans Herz gewachsen", erinnert sich Schulleiterin Gebauer. "Daher haben wir eine Lösung gesucht, wie wir den jungen Menschen ihren Weg in Deutschland erleichtern können", erklärt ihre Kollegin Bianca Pilch.

Migration als Bereicherung

Ergebnis sind nun die gemischten BVJ-Klassen. Zusätzlich zu den zehn minderjährigen Schülern aus der eigenen Vorbereitungsklasse hat die Kolping-Schule elf Migranten aus anderen Schulen ins BVJ aufgenommen. Voraussetzung waren ausreichende Sprachkenntnisse. "Die Migranten sind für unsere Schule eine absolute Bereicherung", erklärt Jens Eisold, der Fachgruppenleiter des Berufsvorbereitungsjahres.

Auf Fremdes schimpft es sich leicht. Doch auf einmal ist es nicht mehr fremd.

Jens Eisold Fachgruppenleiter des Berufsvorbereitungsjahres

Jugendliche suchen ihren Weg

Während des Berufsvorbereitungsjahres arbeiten die Schüler in den gewählten Fachbereichen sowohl theoretisch als auch praktisch. "Unser Ziel ist es, dass die Schüler herausfinden, welches Berufsbild ihnen Spaß macht, so dass sie danach mit besonders großer Motivation eine erfolgreiche Ausbildung absolvieren können. Denn nur, wer die passende Lehre findet, kann diese auch erfolgreich abschließen", erklärt Schulleiterin Gebauer. "Alle sind gleich, alle sind junge Menschen, die ihren Weg in den Beruf suchen." Auch Flüchtlinge ohne geregelten Aufenthaltsstatus könnten das BVJ absolvieren. "In dieser Zeit sind sie vor einer Abschiebung geschützt", erklärt Pilch. Wichtig sei nur, dass sie noch keine 18 Jahre alt sind.

Beruf als Zukunft

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Zaryab Hakimi (r.) hat bereits acht Praktika absolviert und möchte nun Krankenpflegehelfer werden. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Yaser Mohseni, der 17-jährige Zaryab Hakimi und der 16-jährige Basak Sarwari sehen in dem Berufsvorbereitungsjahr eine große Chance. "Ich möchte mit Menschen arbeiten und helfen", sagt Zaryab Hakimi, der in seiner Heimat im afghanischen Norden erste Erfahrungen als Florist gesammelt hat. Um herauszufinden, welcher Beruf ihn wirklich interessiert, hat er bereits zahlreiche Praktika absolviert - als Florist, Mechaniker und Pfleger. Für die Herbstferien hat er sich für ein Praktikum Uniklinikum angemeldet. Dort möchte er Erfahrungen in der Pflege sammeln. Eine Ausbildung als Krankenpflegehelfer ist sein Ziel.

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Basik Sarwari (r.) will nicht wie sein Vater auf dem Bau arbeiten, sondern als Krankenpflegehelfer Menschen unterstützen. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Basik Sarwari ist erst 16 Jahre und lebt seit 18 Monaten in Deutschland. In dieser Zeit hat er die Sprache so gut gelernt, dass er fast fließend spricht. Auch er möchte Krankenpflegehelfer werden. "Mein Vater hat auf dem Basar und auf dem Bau gearbeitet", erklärt Basik. "Ich möchte einen Beruf lernen und helfen." Das will Yaser auch, nur anders. Sein Praktikum in einer Apotheke in Dresden-Löbtau hat ihn überzeugt. "Ich will pharmazeutisch-technischer Assistent werden", sagt der Afghane.

Zurück in die Heimat?

Werden die Jungs wieder zurück in ihre Heimat gehen? "Jeder Ausländer möchte wieder nach Hause, zurück zur Familie und in das Land, in dem er aufgewachsen ist", sagt Zaryab Hakimi. Er muss nicht lange überlegen, um diesen Satz zu sagen. Seine Augen verengen sich, Falten legen sich auf seine Stirn. Plötzlich muss er wieder an seine Mutter denken, die krank ist und gepflegt werden muss. Auch deswegen möchte er Krankenpflegehelfer werden. Vielleicht kann er dann für seine Mutter selbst sorgen, hofft er. Nur der Krieg muss endlich vorbei sein.

Migranten im Berufsvorbereitungsjahr
Schriftzeichen an der Tafel der BVJ-Klasse an der Adolph-Kolping-Schule in Dresden. Bildrechte: MDR/ Katrin Tominski

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 11.08.2017 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2017, 11:59 Uhr