Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik, 2001
Alte Babyklappe in Erfurt bei der Eröffnung 2001 Bildrechte: IMAGO

Toter Säugling in Erfurt Ministerium und Ärzte halten an Babyklappen fest

In Thüringen wird erneut über Sinn und Zweck von Babyklappen diskutiert. Hintergrund ist der Fund eines toten Neugeborenen in der Babyklappe des Erfurter Helios-Klinikums. Die Obduktion hatte ergeben, dass es sich bei dem Mädchen um eine Totgeburt handelte. Während das Thüringer Sozialministerium, Ärzte und die Stiftung "HandinHand" die Babyklappen weiterhin für sinnvoll halten, fordert das Kinderhilfswerk Terre des Hommes deren Abschaffung.

von Gerd Nettelroth

Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik, 2001
Alte Babyklappe in Erfurt bei der Eröffnung 2001 Bildrechte: IMAGO

Trotz des tragischen Vorfalls in Erfurt hält das Thüringer Sozialministerium an der Babyklappe fest. Ministerin Heike Werner sagte MDR THÜRINGEN, oberstes Ziel sei, das Leben und die Gesundheit der Neugeborenen zu schützen. Babyklappen seien ein Angebot an Mütter in Notlagen, die sich nicht für eine anonyme Geburt entscheiden können.

So sieht das auch die Thüringer Stiftung "HandinHand", die sich um Kinder, Schwangere und Familien in Not kümmert. Die Stiftung teilte MDR THÜRINGEN mit, neben der anonymen und der vertraulichen Geburt sollten Babyklappen als letzter Ausweg beibehalten werden. Babyklappen bewegten sich zwar in einer rechtlichen Grauzone, dienten aber dem Kindswohl und könnten Schlimmeres verhindern.
Babyklappen, auch Babykörbe genannt, werden vom Gesetzgeber lediglich geduldet, eine rechtliche Grundlage gibt es nicht. Nach dem Personenstandsgesetz muss jede Geburt dem zuständigen Standesamt angezeigt werden.

Kliniken halten an Klappen fest

Thüringens Arbeitsministerin Heike Werner (Die Linke) spricht in Erfurt auf einer Pressekonferenz.
Sozialministerin Heike Werner (Linke). Bildrechte: dpa

Auch die Thüringen-Kliniken Saalfeld, das St. Georg-Klinikum in Eisenach und das Helios-Klinikum in Erfurt wollen am Angebot der Babyklappe auf jeden Fall festhalten. Der Unternehmenssprecher der Thüringen-Kliniken Saalfeld, Stephan Breidt, sagte, im Vordergrund stünden das Wohl der Babys und der in Not geratenen Mütter. Die Babyklappe sei ein wichtiges Angebot für Mütter in Notlagen, die sich nicht für eine vertrauliche oder anonyme Geburt entscheiden könnten oder wollten.

Ähnlich äußerte sich das St. Georg-Klinikum in Eisenach. Der Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Erfurter Heliosklinikum, Gerd Naumann, sagte, er bedauere sehr, dass dem Kind in der Babyklappe nicht mehr geholfen werden konnte. Für das Klinikum stelle sich dennoch die Frage nach Sinn und Zweck des Babykorbs nicht, man werde auf jeden Fall an dieser Einrichtung festhalten. Jedes lebende Kind, das im Babykorb abgelegt werde, sei ein gewonnenes Kind, so Naumann weiter.

Das Recht zu erfahren, wer die Eltern sind

Ob Babyklappen Leben retten, ist allerdings nur schwer belegbar. Nach Angaben des Kinderhilfswerks Terre des Hommes gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl von Kindstötungen und der Anzahl von Babyklappen in Deutschland. Referent Michael Heuer sagte, seit Einführung der Klappen seit dem Jahr 2000 habe es keinen Rückgang getöteter Neugeborener gegeben. Zudem fehlten sowohl bei den Babyklappen als auch bei anonymen Geburten die rechtlichen Grundlagen. Jedes Kind habe das Recht zu erfahren, wer seine Eltern seien.

Das sei bei anonymen Geburten und Babyklappen jedoch nicht zu gewährleisten, da solche Kinder nicht dem Jugendamt gemeldet würden. Zudem sei völlig unklar, was anschließend mit den anonymen Kindern passiere, so Heuer weiter. Das öffne einem möglichen Menschenhandel Tür und Tor. Aus diesen Gründen plädiere Terre des Hommes dafür, Kinderklappen und anonyme Geburten abzuschaffen. Mit der vertraulichen Geburt und der Möglichkeit der Freigabe des Kindes zur Adoption gebe es zwei legale und ausreichende Möglichkeiten für Mütter in Notlagen.

Rechtssicherheit durch vertrauliche Geburt

Babyklappen sind umstritten, weil Kinder grundsätzlich ein Recht auf Kenntnis ihrer Eltern haben. Dasselbe gilt für anonyme Geburten. Als rechtssichere Variante wurde deshalb 2014 die sogenannte vertrauliche Geburt eingeführt. Dabei können Frauen ihr Kind anonym in einer Klinik zur Welt bringen. Seit 2014 nutzten in Thüringen fünf Mütter diese Variante. Allerdings werden - anders als bei einer herkömmlichen anonymen Geburt - ihre Daten zentral beim Bund gespeichert. Die genaue Identität des Kindes bleibt mindestens bis zum 16. Geburtstag des Kindes unter Verschluss. Die Kosten für vertrauliche Geburten werden vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben übernommen. Bei anonymen Geburten trägt die Thüringer Stiftung "HandinHand" die Kosten - in den letzten knapp 17 Jahren war das 70-mal der Fall.

Drei Babyklappen in Thüringen

Ein Schild weist 2010 den Weg zum Babykorb am Helios Klinikum Erfurt
Babyklappe am Helios-Klinikum Erfurt Bildrechte: dpa

In Thüringen gibt es derzeit drei Babyklappen: bei den Thüringen-Kliniken in Saalfeld (seit 2008), dem St. Georg Klinikum in Eisenach (seit 2003) und dem Helios-Klinikum in Erfurt (seit 2001). Wie  das Thüringer Landesverwaltungsamt MDR THÜRINGEN mitteilte, wurden in den zurückliegenden knapp 17 Jahren 31 Neugeborene in Babyklappen abgelegt. In der Statistik des Landesverwaltungsamtes werden jedoch nur die Babys erfasst, die lebend in den Babyklappen abgelegt wurden und einen Namen bekamen. Tot abgelegte Babys, wie jüngst in Erfurt, werden nicht erfasst, da sie keinen Namen mehr bekommen. Die Kliniken mit Babyklappen veröffentlichen auch auf Nachfrage keine Zahlen zu diesem Thema.

Die Zahl der registrierten Tötungen Neugeborener bewegt sich in Thüringen pro Jahr zwischen Null und maximal Zwei (Zeitraum 2000 bis 2016). Ausnahme war das Jahr 2007, in dem acht Neugeborene von ihren Müttern getötet wurden. Damals waren allein in einem Haus in Thörey bei Erfurt drei Babyleichen gefunden worden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 14. November 2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 14:58 Uhr

Mehr aus Thüringen